Aufstand der Tiere

oder

Die neuen Stadtmusikanten

von Jörg Müller und Jörg Steiner


Quelle: Müller/Steiner 1989,
Illustrationen: Jörg Müller

Buchcover: Eine erste Verbindung zum Prätext

Worum geht es?

Die vier Werbetiere (Eule, Krokodil, Panda und Pinguin) sind mit ihrem Leben unzufrieden, da sie sich von ihren Werbeagenturen ausgenutzt fühlen. Daher schlägt die Eule, inspiriert durch das Märchen Die Bremer Stadtmusikanten vor, die gewohnte Umgebung zu verlassen. Das Ziel ihrer Träume ist Disneyland, wo sie als Stadtmusikanten ihr eigenes Geld verdienen möchten und ihr Leben keinen Vorgaben unterworfen sein soll.

Jedoch verschlägt es die Vier in die Großstadt, in welcher sie zunächst umherirren. Über viele Umwege landen die Werbetiere schließlich in einem Fernsehstudio, in dem sie nach ihrem gescheiterten Einbruch erneut vermarktet werden sollen, diesmal als Band. Nur dem Panda gelingt es letztendlich, Freiheit zu erlangen, indem er seinen Traum vom Straßenmusiker lebt.

Wie wird die Geschichte verändert?

Figuren:

Die Figuren treten im Märchen der Gebrüder Grimm und der Adaption von Müller/Steiner in Form von Tieren auf.

Im Grimm'schen Märchen sind dies europäische Nutz- und Haustiere: Esel, Hund, Katze und Hahn. Bei den neuen Stadtmusikanten handelt es sich um Krokodil, Panda, Pinguin und Eule. Dies sind exotische Tiere, die aus verschiedenen Teilen der Erde stammen.

Die Tiere sind sich bei Müller/Steiner von Beginn an vertraut, da sie durch dieselbe Werbeagentur vertreten sind. Die Grimm'schen Tiere lernen sich erst im Laufe der Geschichte kennen, da der Esel den anderen Tiere auf seinem Weg begegnet. Bei Müller/Steiner träumen die Tiere von individuellen Musikerkarrieren. Im Grimm'schen Märchen möchten die Tiere als Team musizieren.

Motive der Flucht:

Bei Grimm und Müller/Steiner brechen die Tiere aus ihrem gewohnten Umfeld aus. Grund hierfür ist bei Müller/Steiner, dass die Tiere von starker Unzufriedenheit geprägt sind. Sie möchten nicht mehr länger als Werbeträger für die Firmenherren fungieren. Die Flucht ist eine eigenverantwortliche, heimliche Aktion; eine Auflehnung gegen die Vorgesetzen. Bei Grimm sind die Tiere alle alt und sollen durch ihre jeweiligen Besitzer getötet werden. Die Flucht ist eine Reaktion auf die anstehenden Tötungen.

Stationen der Flucht:

Grimms Tiere rasten auf ihrem Weg nach Bremen im Wald unter einer Tanne, sie erleiden Hunger und Kälte. Als der Hahn schließlich ein Räuberhaus entdeckt, schmieden sie einen Plan, wie sie die Räuber verjagen können, um an das darin befindliche Essen zu gelangen. Der Weg der Tiere bei Müller/Steiner führt in die Stadt. In einem heruntergekommenen Teil rasten sie an einer Tankstelle. Dort ist ein Tiger. Er ermahnt die vier Tiere, verachtet ihre Träume und prophezeit, dass sie scheitern werden.

Einbruch:

Die Grimm'schen Tiere brechen in ein Räuberhaus im Wald ein. Die Tiere bei Müller/Steiner in ein Fernsehstudio, während eine Geburtstagsfeier stattfindet. In beiden Versionen steigen die Tiere aufeinander, bilden eine Silhouette und erzeugen bedrohliche Geräusche. Sie brechen durch das Fenster ein.

Im Grimm'schen Märchen fliehen die Räuber verängstigt aus ihrem Haus. Bei Müller/Steiner erholen sich der Direktor, die Abteilungsleiterin und der Schauspieler schnell vom ersten Schreck und erkennen die Werbetiere wieder. Das Erschrecken ist hier missglückt und sorgt nur für Belustigung.

Ende:

Im Grimm'schen Märchen erlangen die Tiere Freiheit und Glückseligkeit. Sie bleiben im Räuberhaus wohnen und genießen ihren Lebensabend. Bei Müller/Steiner scheitert das Vorhaben, Freiheit zu erlangen. Die Tiere erliegen erneut einer Vermarktung, diesmal durch eine Musikfirma. Die Tiere tun nun das, wovor sie eigentlich geflüchtet sind.

Besonderheiten:

Das Grimm'sches Märchenbuch wird von den vier Tieren bei Müller/Steiner als "Wegweiser" benutzt. Das Schwankmärchen der Grimms hat einen guten Ausgang. Bei Müller/Steiner liegt der Fokus der Adaption darauf, ein gesellschaftskritisches Werk zu erschaffen. Dort erinnert das Ende an die Ausgangssituation (erneute Abhängigkeit und Ausbeutung).

Quelle: Müller/Steiner 1989: o. S.,
Illustrationen: Jörg Müller

U-Bahn Haltestelle "Bremerstr."
In einer Pfütze spiegelt sich der Text des Grimm'schen Märchens, zudem ist er an die Wand geschrieben

Wie erkennt man die Verbindung zum Prätext?

Titel:

Die erste auffällige Verbindung zum Prätext lässt sich bereits im Titel feststellen. Ergänzend zu Aufstand der Tiere wurde hier der Zusatz oder Die neuen Stadtmusikanten gewählt, der sich auf Grimms Die Bremer Stadtmusikanten bezieht. Es handelt sich hierbei um eine Markierung im Nebentext. Die Ortsangabe Bremen wurde von Steiner und Müller weggelassen, da die neuen Stadtmusikanten nach Disneyland und nicht nach Bremen wandern wollen. Durch das „neuen“ wird darauf hingewiesen, dass den Werbetieren die Existenz ihrer Vorgänger bewusst ist (Markierung im inneren Kommunikationssystem).

Illustrationen:

Neben Markierungen auf Textebene finden sich auch Verbindungen zu den Bremer Stadtmusikanten in den Illustrationen. So ist die in Grimms Märchenbuch lesende Eule auch als Illustration zu sehen und ein kurzer Abschnitt des Grimmschen Märchens spiegelt sich in einer Pfütze auf der Straße. Bei genauerem Hinsehen kann man außerdem eine mit „Bremerstr.“ beschriftete U-Bahn Haltestelle erkennen.

Im Text:

Auch Markierungen auf Textebene gibt es bei Steiner und Müller. Zu Beginn wird darauf hingewiesen, wo das Märchen Die Bremer Stadtmusikanten zu finden ist („Grimms Märchen, Seite 128, Die Bremer Stadtmusikanten“ (Müller/Steiner 1989: o. S.)). Hierbei handelt es sich um eine Markierung im inneren Kommunikationssystem, durch welche die Leser*innen für mögliche Überschneidungen der beiden Texte im kommenden Handlungsverlauf sensibilisiert werden.

Im Verlauf der Erzählung trifft die Eule ihre Entscheidungen auf Basis des Grimm'schen Märchens. Dieses nimmt die Funktion eines Ratgebers und Richtungsweisers für die Werbetiere ein.


In Bezug auf die Wortwahl fällt ein Satz des Pandas bei den neuen Stadtmusikanten auf: „Aber seht doch, mir wird vom vielen Reden der Mund ganz warm“ (Müller/Steiner 1989: o. S.). Der letzte Satz in den Bremer Stadtmusikanten lautet: „Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm“ (Grimm/Grimm). Bei Grimm leitet dieser Satz aus dem Märchen aus, indem auf das mündliche Weitererzählen verwiesen wird. In den „neuen Stadtmusikanten“ hingegen besteht die Funktion lediglich in dem Verweis auf den Prätext.


Quelle: Müller/Steiner 1989: o. S.
Illustrationen: Jörg Müller

Die Eule liest in Grimms Märchenbuch und nennt sogar die Seitenzahl

Ideen für den Unterricht

Das Bilderbuch ist im Unterricht vielseitig einsetzbar:

Da bereits im Titel des Buches eine Verbindung zum Prätext hergestellt wird, kann schon früh Grimms Märchen Die Bremer Stadtmusikanten thematisiert werden. Die zahlreichen Markierungen im Text und in den Illustrationen laden zum Entdecken einer Beziehungen zwischen den Texten ein.

Die Werbetiere und die Illustrationen regen ein Gespräch über Werbung, Vermarktung, Kaufverhalten und Einfluss der Medien im Alltag an. Hierzu können in einem Wortspeicher wichtige Begriffe zu den einzelnen Gesprächsthemen gesammelt werden und ein Werbeplakat über das Buch selbst gestaltet werden.

Das Thema "eigene Träume" stellt einen schönen Schreib- / Sprechanlass dar: Zum Beispiel können die SuS die Lebensgeschichte der Tiere schriftlich wiedergeben oder die verschiedenen Tiere zu ihren Träumen interviewen. Am Ende können sie selbst einen Film über ihre eigenen Träume drehen oder eine Collage zu "Mein Traum" erstellen.

Das Buch kann auch zu den Themen "Orientierung in neuer Umgebung" und "Mehrsprachigkeit" eingesetzt werden. In den Illustrationen finden sich einige Wörter aus verschiedenen Sprachen (Bsp.: rabbit, mi noche triste), die zum Suchen, Finden und darüber Sprechen anregen.

Quellen

  • Müller, Jörg; Steiner, Jörg: Aufstand der Tiere oder Die neuen Stadtmusikanten, Aarau; Frankfurt am Main; Salzburg: Verlag Sauerländer 1989.

  • Grimm, Jakob; Grimm, Wilhelm: Die Bremer Stadtmusikanten, KHM 27, online verfügbar unter: https://www.projekt-gutenberg.org/grimm/khmaerch/chap029.html (aufgerufen am 21.05.2021)

(Herausgearbeitet von A-L. Schmid, M. Kerl, T. von Einem | Pädagogische Hochschule Karlsruhe)