Das Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte

von Susanne Straßer

Worum geht es?

Die Geschichte handelt von einer kleinen Prinzessin. Sie ist unzufrieden, denn in ihren Märchenbüchern kommt sie selbst nie vor. Wurde sie ganz einfach vergessen? Nicht eine einzige Geschichte handelt von ihr! Das möchte sie ändern.

So macht sie sich auf die Spuren ihrer Lieblingsmärchen - und erlebt dabei ihre ganz eigene Geschichte.

Was hat die Geschichte mit anderen Märchen zu tun?

In der Geschichte werden sehr viele andere Märchen "nachgestellt" und es wird dementsprechend Bezug auf sie genommen. Die verschiedenen Märchen werden nur als Vorlage für die Versuche der Prinzessin genommen, laufen dann aber überraschend anders ab, weil immer etwas schief geht.

Die Prinzessin versucht die Handlungsabläufe der schon bekannten Märchen nachzuahmen, dies gelingt jedoch nicht.

Beispiele sind:

      • Sie versucht einen Frosch zu küssen, um zu überprüfen, ob einer von ihnen ein verzauberter Prinz ist. Doch anstatt einen Prinzen zu finden, bekommt sie Ausschlag am Mund.

      • Sie möchte wie Rapunzel ihr Haar aus dem Turm hängen und damit einen Märchenprinzen anlocken. Dafür nutzt sie allerdings eine Perücke und statt eines Märchenprinzen beißt nur ein gefräßiges Pferd an.

      • Sie versucht ein Knusperhäuschen zu vernaschen. Allerdings lässt sie dieses Haus selbst backen und als es fertig ist, fängt es an zu schmelzen und klebt an ihr fest.

      • Als letzten Versuch möchte sie das Märchen von Aschenputtel nachstellen und veranstaltet einen Ball, bei dem sie ihren Schuh "verliert" (und zur Sicherheit lässt sie gleich zwei Schuhe fallen). Aber den rechten Schuh frisst ein Mops und den zweiten Schuh findet zwar tatsächlich ein Märchenprinz, doch der stolpert im Dunkeln nur darüber und stürzt.

Zuletzt wird noch einmal das Märchen von Rapunzel aufgegriffen:
Das Pferd, das ihr zugelaufen ist, gehört eigentlich dem Märchenprinzen, der zu Rapunzels Turm geritten ist. Er wurde abgeworfen und kommt jetzt auf einem Fahrrad daher, auf der Suche nach seinem Pferd. Denn das Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen will, hat sich bereits weit herumgesprochen. Die beiden verlieben sich ineinander, Rapunzel ist vergessen (und wartet wahrscheinlich immer noch) und sie leben lange glücklich und vergnügt.

Wie erkennt man die Verbindung zu den Prätexten?

Die Beziehung zu den zahlreichen Märchen der Gebrüder Grimm sind eindeutig markiert. Da diese Märchen in eine Rahmenerzählung eingebunden sind (nämlich die der Prinzessin), wird die Beziehung besonders im inneren Kommunikationssystem markiert und thematisiert. Dies geschieht durch:

  • Bekannte Figuren, die besondere Eigenschaften haben sollen
    (z.B. ein Frosch, der ein Prinz sein soll)

  • Bekannte Handlungsabfolgen und Interaktion von und mit Figuren
    (z.B. der Jäger rettet die Prinzessin vielleicht (nicht) aus dem Bauch des Wolfes)

  • z.T. in abgeänderter Form
    (z.B. die Prinzessin schläft nur 100 Tage statt 100 Jahre)

  • Bildliche Darstellung des Textes
    (z.B. die Haare aus einem Turmfenster herunter lassen)

Die Beziehung zu weiteren, nicht im Schrifttext erwähnten Märchen wird im äußeren Kommunikationssystem auf Ebene des Bildtextes markiert.
Zunächst ist zu erwähnen, dass das Bilderbuch aus pluriszenisch erzählten Einzelbildern besteht. Das bedeutet folgendes: Jede Doppelseite illustriert symmetrisch zum Schrifttext einen Versuch der Prinzessin, in einem Märchen vorzukommen. Besonders zu Beginn, aber auch gegen Ende des Bilderbuchs werden diese illustrierten Szenen mit weiteren Bildelementen angereichert. Diese beziehen sich nicht auf den Schrifttext. Sie stellen subtile, intertextuelle Bezüge zu anderen Märchen der Brüder Grimm her:

  • Zum Beispiel sind auf dem Bild rechts Zwerge, eine goldene Gans oder eine Spindel zu entdecken.

  • Auf einer anderen Seite werden ein Frosch, ein Zwerg, ein Paar Stiefel scheinbar beiläufig in die Illustration integriert.

Für den Verlauf und für das Verständnis der Geschichte ist es nicht notwendig, diese bildlichen Elemente mit den Märchen in Verbindung zu bringen. Diese scheinbar beiläufig angeordneten und zum Schrifttext kontrapunktischen Bildelemente können jedoch Grundlage oder Anlass für die weitere Bearbeitung im Unterricht sein.

Quelle: Straßer 2013: o.S., Illustration: Susanne Straßer

Ideen für Unterricht

Möchte man die Intensität von intertextuellen Bezügen im Unterricht thematisieren, eignet sich dieses Buch aus mehreren Gründen hervorragend.

  1. Die Geschichte gleicht bereits in ihrem Aufbau der klassischen Struktur eines Märchens und stellt somit auch formale Bezüge her.

  2. Innerhalb der Reihengeschichte wird nacheinander auf zahlreiche Märchen Bezug genommen und direkt auf den inhaltlichen Zusammenhang hingewiesen.

  3. Auch auf der bildlichen Ebene wird mit Symbolik und Darstellung von bekannten Märchen gearbeitet. Dies macht die Betrachtung der Illustrationen zu einem Wimmelbild der versteckten intertextuellen Bezüge.


Die drei Ebenen können im Unterricht auf unterschiedliche Weise behandelt werden:

  • Was macht ein Märchen zu einem Märchen?

  • Welche Märchen können in diesem Buch entdeckt werden?

  • Welche Märchen könnte man noch in die Geschichte einfließen lassen? Wie?

  • Welches Märchen gefällt mir am besten und warum?


Auch das Ende der Geschichte stellt einen möglichen Schreib- / Sprechanlass dar. So könnten sich die Schüler:innen beispielsweise Gedanken über ein neues Ende des Märchens von Rapunzel machen. In Bezug auf die Aneinanderreihung der verschiedenen Märchen bietet sich außerdem die Möglichkeit, eigene Beziehungen (intertextuelle Bezüge zu anderen Märchen, welche nicht in der Geschichte vorkommen) zu finden und daraus eine Fortsetzung der Geschichte zu konstruieren. So kann die Geschichte durch einen achten oder neunten (etc.) Versuch der Prinzessin in einem Märchen vorzukommen, unendlich erweitert werden.

Quellen

  • Kurwinkel, Tobias: Bilderbuchanalyse. Narrativik - Ästhetik - Didaktik, Stuttgart: Narr Francke Attempto Verlag 2017

  • Straßer, Susanne: Das Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte, 3. Aufl., Rostock: Hirnstorff Verlag 2013

(Herausgearbeitet von J.-L. Möss, Anjana Ebner und Alina Schwarzkopf | Pädagogische Hochschule Karlsruhe)