Der tätowierte Hund

von Paul Maar

Worum geht es?

Ein Löwe begegnet einem Hund auf dessen Reise durch den Urwald - auf seiner Haut hat er bunte Zeichnungen, von denen jede für eine Geschichte steht, wie der Löwe von ihm erfährt. Für den Preis eines Leberwurstbrotes beginnt der Hund Geschichten zu erzählen, denen der Löwe gespannt lauscht.


Eine der Geschichten, die der Hund erzählt, ist Die Geschichte vom bösen Hänsel, der bösen Gretel und der Hexe.

Wie wird die Geschichte verändert?

  • Der Hund erzählt die Geschichte aus der Perspektive der Hexe, das bedeutet, die Vorgeschichte von Hänsel und Gretel bleibt unbekannt, wir wissen nicht, warum die Kinder im Wald sind.

  • Die Charaktere werden geändert: Die Hexe wird als eine nette Person dargestellt, die sich viel Mühe gegeben hat, um das Lebkuchenhäuschen zu bauen. Hänsel und Gretel werden hingegen als schlecht erzogenen Kinder dargestellt.

  • Die Handlung folgt dem gleichen Muster, die Absichten und Handlungsgründe sind aber anders: Die Kinder werden zum Beispiel weiterhin eingesperrt - allerdings hofft die Hexe hier, sie von ihrer unfassbaren Respektlosigkeit und maßlosen Gier zu bessern, außerdem will sie verhindern, dass die Gier weiteren Schaden an ihrem Ruhestandsprojekt - dem Pfefferkuchenhaus - anrichtet.

Wie erkennt man die Verbindung zum Prätext?

  1. Die Beziehung zum Märchen Hänsel und Gretel von Gebrüder Grimm ist sehr klar markiert, da es auch wichtig für das Verständnis des Textes ist, diesen Bezug zu erkennen.

  2. Die Namen der Protagonisten werden im Titel genannt: Die Geschichte vom bösen Hänsel, der bösen Gretel und der Hexe.

  3. Es werden bekannte Zitate verwendet, zum Beispiel: "Knusper knusper Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?" (Maar 2007: 30), entgegen dem Prätext stellt dies jedoch eine ängstliche Nachfrage der Hexe dar.

  4. Die ganze Handlung wird übernommen, lediglich der Blickwinkel wird verändert.

  5. Das aus dem Prätext bekannte Pfefferkuchenhaus wird bildlich dargestellt, hier allerdings zum Beispiel mit der Modifikation, dass die Hexe an sich sehr freundlich aussieht - außerdem nimmt sie gerade Renovierungsmaßnahmen an ihrer Immobilie vor und lauert nicht drinnen.

  6. Da die Geschichte in eine Rahmenerzählung eingebunden ist, wird die Beziehung sogar im inneren Kommunikationssystem markiert und thematisiert:

Quelle: Maar 2007: 29, Illustration: Anke Faust

"Und weißt du, was sie hinterher den Leuten erzählten?", fragte der Löwe den Hund. "Was denn?", fragte der mit großen Augen.

"Sie haben doch wahrhaftig behauptet, die Hexe hätte sie aufessen wollen! Diese bösen Kinder!" "Ich muss sagen", entgegnete der Hund, "ich habe die Geschichte nicht so erzählt bekommen. Da hörte sich alles ganz anders an, obwohl eigentlich das Gleiche geschah!"

"Aha!", macht der Löwe. "Da sieht man es wieder: Die Leute glauben viel lieber die Unwahrheit als die Wahrheit und erzählen dann ohne schlechtes Gewissen die Lügengeschichten weiter! Denn die Geschichte hat sich so zugetragen, wie ich sie dir mitgeteilt habe, dass weiß ich von jener Hexe, die sie mir anvertraut hat."

"Wenn das so ist", überlegte der Hund, "dann möchte ich gerne einmal Rotkäppchen von einem Wolf erzählt bekommen!"

(Maar 2007: 33)

Hier sagt der Hund direkt, dass es auch andere Versionen der Geschichte gibt, betont aber, dass die erzählte Version die wahre ist!

Außerdem wird der Bezug zu einem anderen Märchen hergestellt, was zum Nachdenken anregen kann, welche Geschichten vielleicht noch ganz anders aussehen könnten, wenn sie aus einer anderen Perspektive erzählt werden.

Ideen für den Unterricht

Die intertextuellen Bezüge in dieser Geschichte weisen eine hohe Intensität auf: Die Struktur des Prätextes wurde übernommen, Zitate aus dem Prätext werden verwendet und die Intertextualität wird sogar explizit thematisiert. Dabei tritt die ideologische Spannung des Textes zum Prätext deutlich hervor, das Märchen wird völlig anders bewertet als üblicherweise.

Durch diese Eindeutigkeit eignet sich dieser Text gut für die Behandlung im Unterricht. Die Beziehungen zwischen den Texten können thematisiert werden, wodurch eine erste Vorstellung von Intertextualität erlangt werden kann.

Dadurch, dass die Geschichte aus einer anderen Perspektive erzählt wird und auch die Charaktere verändert werden, bietet die Geschichte unterschiedliche Gesprächsanlässe an:

  • Stereotype

  • Wahrheit / Lügen

  • Berechtigung verschiedener Sichtweisen

Das Ende der Geschichte stellt auch einen schönen Schreib- / Sprechanlass dar: Zum Beispiel könnten die Schüler aufgefordert werden, ein anderes ihnen bekanntes Märchen (zum Beispiel Rotkäppchen und der böse Wolf) aus veränderter Perspektive, und womöglich auch mit veränderter Geschichte, zu erzählen.

Quellen

  • Maar, Paul: Der tätowierte Hund, Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger 2007.

(Herausgearbeitet von Anastasia Keppler und Nils Petersen | Pädagogische Hochschule Karlsruhe)