Rotkäppchen hat keine Lust

von Sebastian Meschenmoser

Quelle: Meschenmoser 2020, Titelblatt
Illustration: Sebastian Meschenmoser

Worum geht es?

In dem neu erzählten Märchen Rotkäppchen hat keine Lust von Sebastian Meschenmoser geht es um einen hungrigen Wolf, der sich mit leerem Magen auf die Lauer legt, bis er ein schlecht gelauntes Rotkäppchen trifft. Es macht sich auf den Weg, einen langweiligen Nachmittag mit ihrer Großmutter zu verbringen, denn sie hat Geburtstag.

Auf dem gemeinsamen Weg zur Großmutter zeigt ein gut gelaunter Wolf einem weniger gut gelauntem Rotkäppchen, wie man dieser eine Freude machen kann. Bereits auf dem Cover des Buches kann der Rollentausch der Charaktere erkannt werden.

Wie wird die Geschichte verändert?

Die Geschichte wurde aus der Sicht des Wolfes geschrieben. Die Darstellung der Charaktere und die Handlungsabfolge entsprechen dabei nicht der klassischen Rotkäppchen-Geschichte.

Das spiegelt sich im Rollentausch der Charaktere wider: Rotkäppchen ist nicht das naive und höfliche Kind wie bekannt, sondern unhöflich und schlecht gelaunt. Der wilde Wolf hingegen entwickelt sich zu einem zahmen, liebenswerten und geselligen Wolf.

Auch die Handlungsabfolge hat sich in Teilen verändert. Die Ausgangssituation ist allerdings die gleiche: Der Wolf hat Hunger und das Rotkäppchen macht sich auf den Weg zur Großmutter. Anders als im Ursprungstext, möchte der Wolf das Rotkäppchen nach dem ersten Gespräch nicht mehr fressen. Er kritisiert hingegen den Geschenkekorb von Rotkäppchen und will ihr zeigen, welche Geschenke für eine Großmutter angemessen sind. Widerwillig schließt es sich dem Wolf und seinem Vorhaben an, denn eigentlich hat Rotkäppchen keine Lust, Zeit mit ihrer Großmutter zu verbringen. So gehen sie gemeinsam los, um neue Geschenke für die Großmutter zu besorgen. Bei der Großmutter angekommen, findet der Wolf all die Dinge spannend, die Rotkäppchen langweilen.

Wie erkennt man die Verbindung zum Prätext?

  1. Die Namen der Protagonist*innen (Rotkäppchen, Wolf und Großmutter) sind im Titel wie auch im Buch genannt.

  2. Die Handlung folgt zunächst dem gleichen Muster, wird aber abgewandelt, exemplarisch zu sehen an folgenden Stellen :

  • Prätext: Die Großmutter liegt krank im Bett.

Posttext: "'Wohin des Weges?' Der Wolf war schon ganz außer Atem. 'Zur Großmutter', sagte das Mädchen. 'Hat Geburtstag, wohnt mitten im Wald.'" (Meschenmoser 2020: o.S.)

  • Prätext: Es gibt Geschenke für Oma von Rotkäppchen (ein Stück Kuchen, eine Flasche Wein und einen Blumenstrauß)

Posttext: "'Einen kantigen Ziegelstein, eine stinkende Socke und einen ollen Kaugummi? Das sind doch keine Geschenke für eine alte Dame! Was bist du nur für eine Enkelin!'" (Meschenmoser 2020: o.S.)

Quelle: Meschenmoser 2020: o.S.
Illustration: Sebastian Meschenmoser

3. Die bildliche Darstellung in der Geschichte Rotkäppchen hat keine Lust ist relativ ähnlich zu herkömmlichen Rotkäppchen-Illustrationen: Das Rotkäppchen wird auch mit einer roten Mütze, einer Schürze und einem Korb dargestellt, allerdings trägt sie schlechtgelaunte Gesichtszüge. Der Wolf zeigt sich in einem gewohnten grauen zotteligen Wolfspelz.

4. Mit Blick auf die Einzeltextreferenz sind Analogien zum Ursprungstext zu finden:

    • Prätext: "Da ging er noch ein Weilchen neben Rotkäppchen her, dann sprach er: 'Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen, warum guckst du dich nicht um?'" (Grimm/Grimm 2016: 159)

Posttext: "'Großmütter lieben Blumen, das weiß doch jeder', rief der Wolf und lief sogleich in den Wald hinein, um einen wunderschönen Strauß wilder Waldblumen zu pflücken." (Meschenmoser 2020: o.S.)

Den Protagonist*innen sind keinerlei intertextuelle Bezüge bewusst, es findet also keine Markierung im inneren Kommunikationssystem statt.

Ideen für den Unterricht

Im Folgenden beziehen wir uns auf den handlungs- und produktionsorientierten Ansatz (Spinner, Haas, Menzel).

Ein handlungsorientierter Unterricht könnte wie folgt aussehen:

Die Unterschiede bzw. die Intertextualität können z.B. durch das Nachspielen einzelner Szenen des Prätextes und des Textes von Meschenmoser herausgearbeitet werden (visuelle Darstellung).

Ausgewählte Szenen können vertont werden, dabei können sprachliche Besonderheiten der unterschiedlichen Texte herausgearbeitet werden (auditive Darstellung).

Eine bildlich-illustrative Darstellung kann stattfinden, wenn die Geschichte vom Rotkäppchen z.B. durch selbst angefertigte Collagen, Bilder oder ähnliches in das 21. Jahrhundert verlagert wird.

Ein produktionsorientierter Unterricht könnte wie folgt aussehen:

Das Verfassen von Texten steht hier im Zentrum. Der letzte Satz der Geschichte bietet sich für einen Schreibanlass an: "Das kleine Mädchen indessen zog in die Wolfshöhle und wurde eine gefürchtete Räuberin. Außer Sonntags, da hatte sie frei. Aber das ist eine andere Geschichte... " (Meschenmoser 2020: o.S.) Die Geschichte kann weitergeschrieben werden.

Weitere mögliche Schreibanlässe:

      • Charaktereigenschaften der Protagonist*innen beschreiben
        ("Was macht für dich eine gute Enkelin/einen guten Enkel aus?")

      • Innere Monologe aus Sicht des Rotkäppchens
        ("Ich habe keine Lust... zu besuchen, weil...") / Perspektivübernahmen/-wechsel

Neben dem handlungs- und produktionsorientierten Ansatz sind auch literarische Gespräche vorstellbar:

Es kann über unterschiedliche Verhaltensweisen in den unterschiedlichen Texten oder zum Beispiel über Fremdheit und Identifikationsmöglichkeiten gesprochen werden.

Quellen

  • Meschenmoser, Sebastian: Rotkäppchen hat keine Lust, Stuttgart: Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, 10. Auflage 2020.

  • Grimm, Jakob; Grimm, Wilhelm: Rotkäppchen, in: Rut Karsten (Hrsg.): Die schönsten deutschen Märchen. Der große Märchenschatz, Köln: Anaconda 2019, S. 158–162.

  • Haas, Gerhard; Menzel, Wolfgang; Spinner, Kaspar H.: Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht, in: Menzel, Wolfgang (Hrsg.): Praxis Deutsch Sonderheft. Handlungsorientierter Literaturunterricht, Seelze: Friedrich Verlag 2000, S. 7-15.

(Herausgearbeitet von Isabella Faude und Pia Greß | Pädagogische Hochschule Karlsruhe)