Wenn ich das 7. Geißlein wär´

von Karla Schneider und Stefanie Harjes

Worum geht es?

Zwei Kinder teilen sich ein Zimmer im Krankenhaus. Gemeinsam lesen sie Grimms Märchen und spinnen die Märchen Rotkäppchen und Der Wolf und die sieben Geißlein neu. Dabei versetzen sie sich beispielsweise in die Lage des Jägers, des Wolfes oder des siebten Geißleins. Dialogisch bauen die beiden Kinder ihre kreativen Ideen und Gedanken in das Märchengeschehen ein.

Veränderungen des Bilderbuchs zu den Prätexten

Das Bilderbuch Wenn ich das 7. Geißlein wär´ weist im Vergleich zum Prätext einen Gattungswechsel auf. Die typischen Märchenmerkmale sind nicht vorhanden! Aufgrund der textinternen Merkmale ist es eher der Textgattung Erzählung zuzuordnen.

Die Handlung im Bilderbuch ist etwas komplex und kann in zwei Ebenen aufgeteilt werden: Auf der ersten Ebene befinden sich die Kinder im Krankenhaus und unterhalten sich. Die zweite Ebene zeichnet sich dadurch aus, dass die Kinder in die beiden Märchen eintauchen und die Geschehnisse in der Märchenwelt neu erfinden. Zuerst fantasieren sie über das Märchen Rotkäppchen, daraufhin über das Märchen Der Wolf und die sieben Geißlein. So wird die Handlung der Märchen verändert: Im Prätext lehnt sich der Wolf beispielsweise über den Brunnenrand, woraufhin er hineinfällt und ertrinkt. Im Bilderbuch hingegen sagt die Protagonistin, dass sie nicht so dämlich wäre wie der Wolf in dem Märchen und sich nicht über den Brunnenrand lehnen würde. Die Protagonistin würde sich mühsam davonschleppen, damit die anderen Figuren über den möglichen Tod des Wolfes spekulieren können.

In Bezug auf die Figurenkonstellation kann festgehalten werden, dass alle Figuren aus den Prätexten im Bilderbuch zu finden sind. Es treten jedoch noch zwei Wolfsjungen gegen Ende des Bilderbuches auf. Das Mädchen und der Junge aus dem Krankenhaus schlüpfen dabei in einzelne Figuren der Prätexte. Im Prätext tritt beispielsweise der Jäger erst nachdem das Rotkäppchen und die Großmutter gefressen worden sind in Erscheinung, im Bilderbuch hingegen malt sich der Protagonist aus, dass er als Jäger das Gespräch zwischen Rotkäppchen und dem Wolf belauschen würde, um Schlimmeres zu vermeiden (siehe unten).

Woran erkennt man die Verbindungen zu den beiden Prätexten?

Die Verbindung zu den Prätexten erkennt man an zahlreichen Hinweisen. Als erstes Beispiel kann bereits der Titel des Bilderbuches Wenn ich das 7. Geißlein wäre genannt werden. Dieser verweist auf einen der beiden Prätexte.

Weiterhin sind die Namen der Protagonisten (z.B. Rotkäppchen, Jäger, Großmutter, Wolf, etc.) aus den beiden Prätexten im Bilderbuch zu finden. Grundsätzlich findet eine Änderung der ursprünglichen Handlungen der Prätexte statt. Diese Änderungen werden des Öfteren durch die Worte der Kinder markiert (z.B. Wenn ich der Jäger wäre, dann...).

Auch auf der Bildebene sind zahlreiche Bezüge zu den Ausgangsmärchen zu finden. Im Bilderbuch trägt ein Mädchen beispielsweise eine rote Mütze (siehe unten). Dadurch wird der Bezug zu dem Märchen Rotkäppchen deutlich.


Quelle: Schneider/Harjes 2010 o.S. Illustration: Stefanie Harjes

Ideen für den Unterricht

Das Bilderbuch weist zahlreiche intertextuelle Bezüge auf, die von der Autorin bewusst im Bilderbuch verankert worden sind. Dementsprechend eignet es sich gut zur Thematisierung von Intertextualität im Unterricht. Damit dies sinnvoll geschehen kann, müssen die Prätexte den SuS bekannt sein.

Eine Möglichkeit das Bilderbuch im Unterricht zu integrieren ist ein Rollenspiel. Zu Beginn wird das Bilderbuch im Plenum vorgelesen. Im Anschluss daran erhalten die Kinder selbst die Möglichkeit, die Märchen in Gruppenarbeit zu verändern. Dann dürfen sie in die Rollen der Märchenfiguren schlüpfen, um ein Rollenspiel vorzubereiten und zu präsentieren. Dadurch wird den SuS bewusst gemacht, dass durch Veränderungen des Prätextes völlig neue Märchen entstehen können. Dieses Vorgehen eignet sich gut, um mit den SuS eine bewusste Reflektion über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem "neuen" Märchen und den Prätexten vorzunehmen.

Eine andere Möglichkeit ist, die einzelnen Figuren in den Prätexten und dem Bilderbuch vergleichend gegenüberzustellen. Mögliche Fragen an die SuS wären dann beispielsweise: Wie verhält sich der Jäger in dem Ausgangsmärchen bzw. im Bilderbuch? Hat sich sein Charakter verändert? Dies kann auch gut in einer Personenbeschreibung schriftlich festgehalten werden. Neben den zuvor genannten Möglichkeiten bieten auch die Illustrationen zahlreiche Möglichkeiten, um Intertextualität im Grundschulunterricht zu thematisieren. Die Illustrationen des Bilderbuchs enthalten einige Elemente, die mit den Ausgangsmärchen verknüpft werden können (z.B. rote Mütze, Wolf mit prall gefülltem Magen, etc.). So könnten die SuS die einzelnen Bildelmente den Ausgangsmärchen zuordnen.

Quellen

  • Schneider, Karla: Wenn ich das 7. Geißlein wär´, Köln: Boje Verlag 2010 (2. Ausgabe).

(Herausgearbeitet von Saskia Beerkircher, Ingrid Leim & Diana Wild | Pädagogische Hochschule Karlsruhe)