Die verflixten sieben Geißlein

Sebastian Meschenmoser

Cover: Meschenmoser, S. (2017). Die verflixten sieben Geißlein

Worum geht es 

Das Bilderbuch beschreibt die bekannte Geschichte der sieben Geißlein in einer etwas abgewandelten Form. Der böse Wolf verkleidet sich zunächst als die Mutter der sieben Geißlein, welche gerade noch einkaufen ist, bastelt sich Hörner, schminkt sich entsprechend und macht sich mit dem Plan, die sieben Geißlein zu fressen, auf den Weg zum Haus der Ziegen. Dort angekommen, reißt er mit einem Brüllen die Tür auf, mit der Erwartung, die verängstigten Ziegenkinder zu finden, wird dort jedoch nur von purer Unordnung empfangen. Das Haus der Ziegen befindet sich im Chaos, alle Sachen liegen verstreut herum und auch geputzt wurde länger nicht. In diesem Zustand kann der Wolf die Geißlein unmöglich finden, er beschließt etwas Ordnung zu schaffen, um die Verstecke aufzudecken. Der Raum wird immer sauberer und nun entdeckt der Wolf auch die Ziegenkinder, diese laufen jedoch direkt weiter in die Küche, wo der Wolf von noch mehr Unordnung begrüßt wird. Auch hier kann der Wolf es nicht lassen, etwas aufzuräumen und so geht das Spiel, bis der Wolf alle Räume blitzblank geputzt hat, und den Geißlein gerade eine Standpauke über ihre Unordentlichkeit halten will. In dem Moment kommt die Ziegenmutter mit ihren Nachbarn, den Schweinen, nach Hause, welche ganz entzückt das makellose Haus betrachten und den Wolf als Haushaltshilfe gerne übernehmen möchten.


Wie sind Bilder gestaltet?

Besonders eindringlich machen die Geschichte die bunten Illustrationen, die sich über die Seiten erstrecken. Die Bilder nehmen deutlich mehr Platz als der Text ein, teilweisen bestehen ganze Doppelseiten nur aus einem Bild. In den Szenen, in denen der Wolf in ein neues, unaufgeräumtes Zimmer kommt, nimmt ein Bild dessen die Seiten ein, die Situation ist sehr detailliert und farbenfroh gestaltet, was die chaotische Wirkung unterstützt. Auch die Anfangsszene, in der der Wolf sich verkleidet, um die Geißlein reinzulegen, kommt vollständig ohne Text aus. Man sieht, wie der Wolf aus Klopapierrollen Hörner bastelt, sich vor dem Spiegel schminkt und sich ein lilafarbenes Kleid anzieht. Sowohl die Farbgebung als auch die Motive lassen das Bilderbuch fröhlich und kindgerecht wirken und die eigentlich bedrohliche Situation, in der der Wolf nach den Ziegenkindern sucht, um diese zu fressen, wird humoristisch dargestellt. 

Quelle: Meschenmoser, S. (2017). Die verflixten sieben Geißlein

Beispielsweise hat der Wolf während des ganzen Prozedere das lilafarbene Kleid an, welches nicht in sein eigentliches Rollenbild passt und in einem Bild hat er eine Bananenschale auf dem Kopf. Auf den Bildern, in denen der Wolf inmitten des Chaos der Ziegen steht, kann man zudem immer alle sieben Geißlein erkennen, welche sich auf die unterschiedlichsten Arten verstecken oder tarnen, dabei aber nie sonderlich verängstigt aussehen, was die eigentlich gefährlich wirkende Situation ebenfalls entschärft. 

Der Wolf, der zu Beginn also als der böse große Wolf dargestellt wird, der das Haus der Ziegen heimsucht, um die sieben Geißlein zu fressen, wird verspottet und verharmlost dargestellt, was besonders in der letzten Szene deutlich wird. Die Mutter der Geißlein kommt nach Hause und nimmt in der Höhe fast die doppelte Bildfläche im Gegensatz zum Wolf dar, welche verängstigt zu ihr aufblickt, während die Geißlein vergnügt um ihn herumtanzen. Die nicht naturgetreuen Größenverhältnisse verdeutlichen die Ergebenheit des Wolfes, welcher auf den Folgeseiten wie ein Gegenstand den Schweinen gereicht wird und nun für diese putzen muss.

Manche Illustrationen wirken beinahe wie ein Wimmelbild (sieh z.B. oben), hier wird also vor allem das Kind angesprochen, welches das Buch eventuell vorgelesen bekommt und dabei die sieben Geißlein aktiv mitsuchen kann. So kann es als Zuhörer besser in die Geschichte eintauchen kann, aber auch für die vorlesende Person kann dies unterhaltsam sein. 

Abweichungen und Verbindungen zum Prätext

Bei Meschenmosers Bilderbuch handelt es sich um eine veränderte Version des Märchens „Der Wolf und die sieben Geißlein“ von den Gebrüder Grimm, es handelt sich also um eine Einzeltextreferenz. Auf die Verbindung zu ebendiesem Prätext wird schon im Titel des Buches verwiesen, so handelt auch dieses von den sieben Geißlein aus dem ursprünglichen Märchen. Zudem wird der Bezug innerhalb der Geschichte durch die Figuren hergestellt, die aus dem Prätext übernommen wurden. Sowohl der Wolf als auch die sieben Geißlein und die Mutter dieser treten auf und auch die anfänglichen Rahmenbedingungen lassen sich im grimmschen Märchen wiederfinden. Das Bilderbuch beginnt mit der Situation, dass die Ziegenmutter das Haus zum Einkaufen verlassen hat und die sieben Geißlein allein zuhause sind. Der böse Wolf hat vor, diese Situation auszunutzen und die Geißlein durch eine Imitation ihrer Mutter dazu zu bringen, ihm die Tür zu öffnen, damit er sie fressen kann.

Die weitere Handlung weicht zwar weitestgehend vom Ursprungstext ab, auf der Bildebene lassen sich jedoch noch weitere Bezüge feststellen. So zeigt das Bild, in dem der Wolf das Haus der Ziegen betritt, das ungeordnete Wohnzimmer, in dem alle Geißlein versteckt sind. In der Ecke des Raums kann man eine große Wanduhr erkennen, in der sich ein Geißlein versteckt hat. Dies ist auch in der Version der Gebrüder Grimm der Fall, zudem kann mit der Schlussszene des Bilderbuches sehen, wie die Geißlein um den Wolf herumtanzen. Auch diese Szene wurde aus dem Prätext übernommen, hier tanzen die Mutter und ihre Kinder um den Brunnen, in dem der Wolf schließlich ertrunken war.

Sowohl auf Text- als auch auf Bildebene hat der Autor den Prätext aber auch abgewandelt, am deutlichsten wird dies in der fortschreitenden Handlung der Geschichte. Obwohl die Anfangsbedingungen dem Märchen sehr ähneln, entwickelt sich die Geschichte im Bilderbuch in eine andere Richtung. Im Märchen muss der Wolf mehrmals an die Tür der Geißlein klopfen, da diese ihn immer wieder als Wolf enttarnen, bis er mit Kreide seine Stimme verstellen und das Vertrauen der Kinder gewinnen kann. Im Bilderbuch wurde dieser Handlungsstrang ausgelassen und der Wolf reißt die Tür des Hauses mit Gewalt auf. Er kommt in das Haus der Ziegen und finden kein Geißlein vor, da sie sich versteckt haben. Doch anstatt diese direkt zu suchen und auch zu finden, beginnt der Wolf damit, das fremde Haus aufzuräumen. Zwar tut er dies immer mit dem Hintergedanken, die Verstecke der Geißlein aufzudecken, er verliert sich aber immer weiter in dem Gedanken, Ordnung schaffen zu wollen und äußert mehrfach seinen Missmut über die Nachlässigkeit, mit der das Haus in Ordnung gehalten wird. Auch das Verhalten der Geißlein weicht vom Prätext ab. In Meschenmosers Bilderbuch sind die Geißlein keinesfalls verängstigt, während der Wolf sich im Haus befindet. Sie verstecken sich hier und da, tanzen hinter dem Rücken des Wolfes herum, laufen vor seinen Augen in den Räumen hin und her und auf manchen Bildern wirkt es so, als würden sie ihm sogar beim Aufräumen helfen. Die Stimmung des Märchens wurde also umgekehrt. Während Grimms Märchen eine sehr bedrohliche Wirkung hat, ist die Stimmung im Bilderbuch viel aufgelockerter und unbeschwerter. 

Darüber hinaus hat der Autor des Bilderbuches auch das Ende umgeschrieben; im Prätext frisst der Wolf alle Geißlein bis auf das eine, welches er nicht finden kann und schläft ein. Die Mutter kommt nach Hause und schneidet gemeinsam mit dem siebten Geißlein die übrigen aus dem Bauch des Wolfes heraus und füllt diesen mit Steinen. Als dieser aufwacht und sich zum Trinken über einen Brunnen beugt, fällt er hinein und ertrinkt. Im Bilderbuch frisst der Wolf keines der Geißlein, sondern beginnt gerade, ihnen einen Vortrag über ihre Unordentlichkeit zu halten, als die Ziegenmutter nach Hause kommt. Nachdem sie den Wolf in ihrem Haus erwischt hat, übergibt sie ihn als Putzkraft an ihre Nachbarn, wo der Wolf weiter sauber machen muss. Demnach wurde auch die eigentliche Moral des Märchens, nämlich, dass Kinder niemanden ins Haus lassen sollen, wenn sie allein sind, nicht übernommen und die Geschichte wurde von lehrend zu unterhaltsam abgewandelt.

Quellen

(Herausgearbeitet von Theresa Esser | Goethe-Universität Frankfurt)