Die Prinzessin auf dem Kürbis

Heinz Janisch (Text), Linda Wolfsgruber (Illustration)

Worum geht es?

In dem Bilder- und Vorlesebuch „Die Prinzessin auf dem Kürbis“ wird die Geschichte eines Prinzen erzählt, welcher eine Prinzessin sucht, die auf keinen Fall so empfindlich ist wie die berühmte Prinzessin auf der Erbse. Die hat nämlich gerade ein Freund des Prinzen geheiratet und die Hochzeitsfeier der beiden war aufgrund der Dünnhäutigkeit der Prinzessin auf der Erbse eher anstrengend als schön.

Der Prinz beschließt schon bei der Suche nach einer geeigneten Prinzessin alles richtig zu machen, und gestaltet unangenehme Prüfungen für seine Zukünftige, frei nach dem Motto „Ein echter Prinz will verdient sein“. Dabei muss natürlich auch eine Nacht auf seiner Burg verbracht werden, auf einer Matratze, unter der ein Kürbis liegt.

Dabei rechnet er nicht mit der Prinzessin, die sich schließlich auf seiner Burg einfindet und nach einer Nacht auf dem Kürbis dem unhöflichen Prinzen gekonnt einen Spiegel vorhält.

Nun ist plötzlich der Prinz derjenige, der den Prüfungen der "Prinzessin auf dem Kürbis" genügen muss. Sie schafft es, ihm zu zeigen, dass gegenseitige Achtung und Hilfsbereitschaft mehr Freude bringen als das Durchsetzen individueller Befindlichkeiten. So wird zu guter Letzt auch in dieser Geschichte eines Prinzen und einer Prinzessin eine große, glückliche Hochzeit gefeiert.

Wie sind die Bilder gestaltet?

Das Buch “Die Prinzessin auf dem Kürbis“ liegt im DIN A4 Format vor und jede Seite wurde bebildert. Dabei nehmen die farbigen Illustrationen häufig eine ganze Doppelseite ein. In vielen der Bilder dominiert die Farbe Orange, geht es doch schließlich um die Prinzessin auf dem Kürbis, dessen Farbe ein kräftiges Orange ist.

Die Illustrationen sind oft einfach gehalten, so dass man Kinderzeichnungen in ihnen sehen könnte. Manche Einzelheiten sind dann aber doch so gekonnt ausgeführt, dass man die geübte Zeichnerin dahinter erkennt. Sie sprechen dadurch den/die ggfalls erwachsene/n Vorleser/in gleichermaßen an, wie die jungen Zuhörer/innen.

Text und Bild erscheinen zum Teil gemeinsam auf den Doppelseiten, zum Teil wechseln sich Text und Bild ab. Dabei wird die Geschichte des Prinzen und der Prinzessin durch die Bilder begleitet, einzelne Situation aus dem Text werden für den Leser und den Zuhörer visualisiert. Feine Details auf jeder Seite laden zum genauen Hingucken ein, jedoch wirken die Zeichnungen dabei auf keinen Fall überfüllt.

Leser und Zuhörer finden auf den ersten Seiten immer wieder bildliche Andeutungen auf das Märchen der Prinzessin auf der Erbse: eindeutige, wie z.B. ein Bild der Prinzessin im Bett auf den vielen Matratzen liegend, zuunterst die versteckte Erbse, aber auch versteckte, die es Spaß macht zu entdecken. So hat z.B. der ausgestopfte Tiger, welcher zur Ausstattung des Gästezimmers gehört, in dem die Prinzessin dieser Geschichte eine Nacht auf dem Kürbis verbringen soll, eine Erbse zwischen den Zähnen. Interessant ist dabei auch zu beobachten, dass mit der zunehmenden Präsenz der Prinzessin auf dem Kürbis die Erbse auf den Bildern an Präsenz verliert. Auf der letzten Doppelseite feiern Prinz und Prinzessin in einem mit Halloween-Kürbissen dekorierten Raum ihre Hochzeit, der Hofnarr ist die letzte übrig gebliebene Erbse.


Wie wird die Geschichte verändert?

Das ursprüngliche Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse“ wird direkt im Titel in Bezug auf den eigentlich zentralen Gegenstand der Geschichte, der Erbse, verändert. Die Erbse wird um den um ein Vielfaches größeren Kürbis ersetzt.

Hauptpersonen der nun als „Prinzessin auf dem Kürbis“ erzählten Geschichte sind immer noch ein Prinz und eine Prinzessin. Allerdings agiert der Prinz allein, im Gegensatz zum Prinzen aus dem Märchen, bei dem die Eltern, bzw. die Mutter auf die Idee kommt, eine Erbse unter die Matratzen zu legen. Der Prinz beschließt hier, nicht die „Echtheit“ der Prinzessin zu überprüfen, sondern durch verschiedene Prüfungen sicherzugehen, kein überempfindliches Wesen an seiner Seite zu haben. Er handelt autark.

Genauso autark tritt dann auch die Prinzessin auf, nicht allein, schwach und durchnässt wie in der Originalerzählung, sondern stark und selbstsicher tritt sie auf der Burgmauer auf, welche sie geschickt selbst erklommen hat. Nicht dem Prinzessinnenbild der Grimm‘schen Zeit entsprechend sagt sie dem Prinzen deutlich und bestimmt, was sie von seiner unhöflichen Art hält.

Damit hat sich neben den Figuren auch die Aussage des Textes im Vergleich zum Original verändert. Geht es im Prätext um das versteckte „Feine“ in der adligen Person, was vom normalen Volk niemals erreicht werden kann, also um eine Trennung der Stände, so will die moderne Erzählung darauf aufmerksam machen, dass der achtsame Umgang miteinander ein gemeinsames Glücklich sein ermöglicht, und nicht die Herkunft.

Dabei dient das ursprüngliche Märchen nicht nur als Ausgangspunkt für die neuen Handlungen der neuen Erzählung, sondern die Hauptpersonen des Märchens werden Teil der Neuerzählung. Ihnen, bzw. vor allem der Prinzessin auf der Erbse, werden viele als anstrengend empfundene Eigenschaften neu angedichtet. Dadurch wird der Kontrast zur bodenständigen Prinzessin auf dem Kürbis verstärkt und betont. So gelingt eine Ablehnung der „alten“ Prinzessin und damit der alten Geschichte. Eine positive Aufnahme der „neuen“ Prinzessin und der neuen Geschichte liegt dem/der Leser/in und Zuhörer/in nahe.


Wie erkennt man die Verbindung zum Prätext?

Die Geschichte „Die Prinzessin auf dem Kürbis“ lehnt sich an das Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse“ an. Dies wird bereits durch den Titel deutlich, der sich vom Original nur insofern unterscheidet, als dass an die Stelle der Erbse der Kürbis gesetzt wurde. In der Geschichte verbringt die Prinzessin dann tatsächlich eine Nacht auf einer Matratze, unter der ein Kürbis liegt.

Die hier neu erzählte Geschichte der Prinzessin auf dem Kürbis kommt ohne das ursprüngliche Märchen der Prinzessin auf der Erbse nicht aus. Das Märchen stellt die Basis der Erzählung dar und ist wichtig für deren Verständnis. Würde man nicht wissen, was es mit der Erbse unter der Matratze auf sich hat, könnte man den Irrwitz der Prüfung, eine Nacht auf einem Kürbis zu verbringen, nur bedingt in ihrer hier gedachten Dimension verstehen.

Außerdem sind die Hauptpersonen aus dem Märchen in der neuen Erzählung präsent, werden sie doch als Freunde des Prinzen, der neuen Hauptfigur, vorgestellt. Die neue Geschichte beginnt sogar damit, dass dieser gerade von der Hochzeitsfeier des Märchen-Paares nach Hause kommt.

Es gibt stilistische Mittel, die dem Märchen, der Gattung des Prätextes, entlehnt sind, wie z.B. die Wiederholungen direkt auf der ersten Seite des Buches, auf der berichtet wird, dass die Prinzessin auf der Erbse durch 100 Türen einen Windhauch gespürt hat, aus 100 Tönen einen falschen herausgehört hat usw. Dies gibt der Erzählung einen fantastischen Zug und verstärkt die Bindung zum Original.

Auch finden sich Ähnlichkeiten im Ablauf der beiden Geschichten: der Prinz sucht eine Frau und die Kandidatin muß sich einer Prüfung unterziehen, um sich als würdig zu erweisen. Die neue Erzählung weist dann aber eine Ergänzung auf, welche zu einem völlig anderen Verlauf der Geschichte führt: auch der Prinz muss sich als würdig erweisen und Prüfungen bestehen, die die Prinzessin ihm auferlegt.

Die Bilder des Buches greifen das Thema der Erbse aus dem ursprünglichen Märchen im gesamten Buch auf. Der aufmerksame Betrachter findet auf jeder Seite einen Bezug hierzu, dieser variiert aber in seiner Ausprägung.


Quellen