Gattungsvorstellungen entwickeln

Ein Ziel schulischen literarischen Lernens ist der Erwerb von Gattungsvorstellungen. Die Schüler*innen sollten zunehmend in der Lage sein, Merkmale verschiedener Textsorten erkennen und benennen zu können. Anhand dieser Merkmale können Texten Gattungen und Textsorten zugeordnet und voneinander unterschieden werden.

Empfehlenswert ist laut K. H. Spinner das Lernen an Prototypen. Anhand von ausgesuchten Beispielen werden Merkmale gesucht und Begrifflichkeiten gefestigt. Solche Beispiele können als Grundlage und Orientierungshilfe für das Lesen und Einordnen anderer Texte dienen. Indem eine Erwartungshaltung gegenüber einer Gattung aufgebaut werden kann, wird der einzelne Text für die Leser*innen vorentlastet. Auch Übereinstimmungen und Abweichungen in der Verwendung bestimmter Merkmale können besser wahrgenommen werden.

Die Besonderheit bei den hier vorgestellten Büchern ist, dass gezielt typische Merkmale von Märchen in moderne Erzählungen übernommen wurden. Dadurch wird sowohl auf die Gattung Märchen als auch auf spezifische Primärtexte verwiesen. Es bietet sich an, Primär- und Sekundärtext in Bezug auf die übernommenen Merkmale in den modernen Märchen zu vergleichen. Hierbei kann auch die Frage nach der Funktion dieser Übernahmen gestellt werden.

Die Bezugstexte sollten den Schüler*innen bereits bekannt sein, damit Übereinstimmungen und Abweichungen erkannt werden können. Auch das Wissen über 'prototypische' Märchen hilft beim Aufbauen von Gattungsvorstellungen.

Passende Methoden/Unterrichtsansätze

  1. Kreatives Schreiben

Eine Möglichkeit für eine kreative Schreibaufgabe wäre, sich ein modernes Märchen heranzuziehen und dieses in seine klassische Form selbst umzuschreiben. Hierzu könnten vorab im Plenum klassische Formeln gesammelt werden (z.B. "Es war einmal...") die im Anschluss für die Schreibaufgabe genutzt werden können.

Bildungsplan Baden-Württemberg (Grundschule 2016):

  • 3.1.1 & 3.2.1 Mit Texten und anderen Medien umgehen:

    • Klasse 1/2: 3.1.1.1 Texte verfassen - Texte planen, schreiben und überarbeiten: (2) Schreibideen entwickeln und als Schreibanlässe nutzen; (4) nach Anregung erste eigene Texte schreiben

    • Klasse 3/4: 3.2.1.1 Texte verfassen - Texte planen, schreiben und überarbeiten: (1) sprachliche und gestalterische Mittel und Schreibideen sammeln; (2) nach Anregung eigene Texte planen und schreiben


  1. Untersuchung sprachlicher Merkmale/Analyse sprachlicher Mittel

Die Schülerinnen und Schüler setzen sich intensiv mit dem Märchen auseinander und arbeiten die sprachlichen Merkmale und Stilmittel heraus (z.B. Reime, Metaphern etc.). Hierbei könnte zunächst mit einem klassischen Märchen begonnen werden. Anschließend könnte eine neuere Version des Märchens mit der alten verglichen werden und auf die jeweiligen Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der sprachlichen Merkmale untersucht werden (z.B. "Es war einmal.."/"Ich bin Hänsel. Bestimmt kennst du mich und meine kleine Schwester Gretel?").

Bildungsplan Baden-Württemberg (Grundschule 2016):

  • 3.1.2 & 3.2.2 Sprache und Sprachgebrauch untersuchen:

    • Klasse 1/2: 3.1.2.4 Grundlegende sprachliche Strukturen und Begriffe wahrnehmen: (1) Wörter nach orthografischen Gesichtspunkten strukturieren

    • Klasse 3/4: 3.2.2.2 Unterschiede von gesprochener und geschriebener Sprache kennen: (1) unterschiedliche Satzstrukturen in gesprochener und geschriebener Sprache erkennen


  1. Vorlesegespräch/literarisches Gespräch

Die Schülerinnen und Schüler erproben paarweise ein Vorlesegespräch, in dem sie sich gegenseitig Fragen zu verschiedenen Gattungsmerkmalen stellen und beantworten.

Bildungsplan Baden-Württemberg (Grundschule 2016):

  • 3.1.1 & 3.2.1 Mit Texten und anderen Medien umgehen:

    • Klasse 1/2: 3.1.1.5 Lesefähigkeiten und Leseerfahrung sichtbar machen: (1) die eigene Lesefähigkeit zunehmend wahrnehmen; 3.1.1.6: Leseverstehen entwickeln: (5) handelnd mit Texten und Lyrik umgehen (zum Beispiel erzählen ...)

    • Klasse 3/4: 3.2.1.6 Leseverstehen vertiefen: (3) textspezifische Merkmale erfassen und deren Gebrauchswert erkennen und benennen; (11) handelnd mit Texten und Lyrik umgehen und dadurch Inhalte erschließen und Wirkungen erfahren: erzählen ...

Passende Bücher

Im Buch Der Aufzug begegnet die Protagonistin Rosa auf ihrer Reise in die Märchenwelt unterschiedliche Märchenfiguren. Dabei werden die Bedeutungen der Zahlen drei und sieben in Märchen in den Vordergrund gestellt, wodurch die generelle Bedeutung von Zahlen in der gesamten Gattung Märchen behandelt werden kann.


Das Buch übernimmt als Markierungen viele direkte Zitate aus dem grimmschen Märchen. Die Reime, die einen Wiedererkennungswert zur Geschichte bieten, eignen sich, um den SuS das Angebot darzulegen, eigene Reime zu erfinden, die Reime fortzuführen sowie weitere Reime in verschiedenen Märchen auf der sprachlichen Ebene zu erforschen. Demzufolge können die vorhanden sprachlichen Merkmale näher betrachtet werden. Dadurch, dass die Geschichte im Buch aus zwei Perspektiven geschrieben wird, verdeutlicht sie die für Märchen typische Rollenaufteilung in gut und böse. Dies kann im kreativen Schreiben z. B. als innerer Monolog oder in literarischen Gesprächen gezielt thematisiert werden.


Das Buch erzählt von einer kleinen Prinzessin, die unzufrieden ist, da sie selbst keine Rolle in einem Märchenbuch spielt. Um diesen Zustand des Unwohlseins zu ändern, beschließt sie, sich selbst auf den Weg ihrer Lieblingsmärchen zu begeben und schreibt ab diesem Zeitpunkt ihre eigene ganz besondere Geschichte. In ihren Versuchen reproduziert sie die für viele Märchen typische Aufgaben, die die Protagonist*innnen aus anderen Märchen zu bewältigen haben. Dieses Aufgabenprinzip wird anhand dieser Geschichte deutlich und kann in einem Vorlesegespräch näher besprochen werden.

Quellen

  • Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg: Bildungsplan der Grundschule. Deutsch, Villingen-Schwenningen: Neckar-Verlag 2016.

  • Spinner, Kaspar H.: Literarisches Lernen, in: Praxis Deutsch 200 (2006), S. 13.

(Herausgearbeitet von L. Fixemer, T. Scheeder, L. Rühle, T. von Einem, F. Wörner | Pädagogische Hochschule Karlsruhe)