Perspektiven literarischer Figuren nachvollziehen

Beim Nachvollziehen der Perspektiven literarischer Figuren geht es vor allem um die Wahrnehmung der Figuren sowie dessen Einstellungen, Haltungen und Gefühle durch den Leser / die Leserin (vgl. Spinner 2006, S. 9). Typische Märchenfiguren sind flächenhaft und eindimensional und bieten keinen Einblick in ihre Gedanken. Märchenbearbeitungen zeigen die Einstellungen und Gefühle der Figuren oft expliziter, was die Perspektivenübernahme erleichtert. Einige Bearbeitungen stellen durch die Veränderungen die vermuteten Intentionen der Figuren in Frage, was zu einer aktiven Auseinandersetzung mit der Figur führen kann.

Passende Methoden/Unterrichtsansätze:

1. Steckbrief von den Charakteren anlegen

Fakten und besondere Charaktereigenschaften von Figuren werden ermittelt und festgehalten. Es bietet sich an, in Gruppen mit Prä- und Posttext getrennt zu Arbeiten, damit die Eigenschaften der Figuren später verglichen und diskutiert werden können.

Bildungsplan Baden-Württemberg (Grundschule 2016):

        • 2.1 Sprechen und Zuhören: Ausdrucksvoll sprechen, etwas vortragen, szenisch spielen

          • 2.1.11: Sich in eine Rolle hineinversetzen und sie gestalten

          • 2.1.12: Situationen in verschiedenen Spielformen szenisch entfalten, verbale und nonverbale Ausdrucksmittel erproben

          • 2.1.14: Beobachtungen wiedergeben

      • 2.3 Lesen: Leseerfahrungen ausbauen

        • 2.3.5: Bei der Beschäftigung mit literarischen Texten Sensibilität und Verständnis für Gedanken, Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen zeigen


2. Sprechende Bilder

Eine Illustration von abgebildeten Figuren und gibt diesen Sprech- und Gedankenblasen. Die Schüler*innen schreiben in die Sprech- und Gedankenblasen, was die Figuren sagen oder denken könnten. Anschließend kann damit eine Szene gespielt oder in die Szene einem Standbild dargestellt werden.

Die Kinder versuchen, sich in die Figur hineinzuversetzen, sowie Gefühle und Gedanken dieser Figur zu verschriftlichen und anschließend entsprechend spielend wiederzugeben.

Bildungsplan Baden-Württemberg (Grundschule 2016):

        • Klasse 3/4: 3.2.1.6 Leseverstehen vertiefen: (5) Zu Textvorlagen Szenen und Spielideen entwickeln; (8) Vorstellungswelten zu Texten aufbauen und beschreiben

        • 2.3 Lesen: Leseerfahrungen ausbauen

          • 2.3.5: Bei der Beschäftigung mit literarischen Texten Sensibilität und Verständnis für Gedanken, Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen zeigen

3. Gefühle der Figur äußern

Die SuS nehmen beispielsweise bei dem Märchen "Der Froschkönig" die Perspektive des Froschs oder der Prinzessin ein. Dadurch lernen sie in der anschließenden Kommunikation, die Sichtweisen anderer nachzuvollziehen und einzunehmen. Diese Erkenntnis des gegenständlichen Nachvollzugs kann in Situationen im Klassenverband helfen.

Ablauf:

    • L liest das Märchen vor

    • Einzelarbeit: SuS notieren auf AB, was Frosch und Prinzesssin je denken könnten (Zuteilung der SuS auf Figur nach Los) (Auf AB können Hilfestellungen stehen: "Ich fühle mich ...." / "Ich bin traurig, weil ..." etc)

    • Tandem: SuS mit der selben Person, tauschen sich aus und ergänzen ggs.

    • Doppelkreis/Kugellager: SuS des inneren Kreises (Frosch) tauschen sich mit SuS des äußeren Kreises (Prinzessin) aus.

    • SuS ergänzen das AB für die andere Figur (Frosch oder Prinzessin, je nach dem was davor bearbeitet wurde)

Bildungsplan Baden-Württemberg (Grundschule 2016):

        • 2.1 Sprechen und Zuhören: Gespräche führen und ausdrucksvoll sprechen, etw. vortragen, szenisch spielen

          • 2.1.1: Gesprächsanlässe aufgreifen, nutzen und schaffen

          • 2.1.11: sich in eine Rolle hineinversetzen und sie gestalten

4. Die Lebensgeschichte einer Märchenfigur nacherzählen

Die SuS wählen eine Figur aus und schreiben dessen Lebensgeschichte auf. Dabei nehmen sie die Perspektive der ausgewählten Figur ein.

Bildungsplan Baden-Württemberg (Grundschule 2016):

        • 2.2 Schreiben: Texte verfassen

          • 2.2.2: Je nach Schreibanlass verständlich, strukturiert, adressaten- und funktionsgerecht schreiben

Passende Bücher

Für die Förderung der Kompetenz eigenen sich Bücher, die ...

  • typische Charaktereigenschaften, äußerliche Erscheinungen, bestimmte markante Handlungen / Abläufe, etc. vorweisen

  • in der Lebenswelt der Figuren die Lebenssituation und Lebenserfahrung von Grundschulkindern widerspiegeln

  • Charakter- bzw. Handlungsentwicklungen darstellen

  • Gesprächsanlässe zum Prätext bezüglich Veränderungen zulassen

  • Reflexionen über Problematiken zulassen (z.B. Stereotype, etc.)

  • Vergleiche ermöglichen

1) "Rotkäppchen hat keine Lust" von Sebastian Meschenmoser:

Rotkäppchen ist mürrisch, Wolf ist nett - das Buch eignet sich gut für den Vergleich mit dem Prätext, aber auch um stereotype Rollendarstellungen in Märchen zu besprechen.

2) "Aufstand der Tiere oder Die neuen Stadtmusikanten" von Jörg Müller und Jörg Steiner

Der Handlungsverlauf folgt dem des Prätextes, die Figuren haben aber andere Gründe. Durch den Vergleich können unterschiedliche Motive besser nachvollzogen werden.

3) "Prinzessin Rosenblüte" von Kirsten Boie

Charaktere aus unterschiedlichen Welten (Märchenwelt und Realität) treffen aufeinander, das Buch eignet sich insbesondere zur Diskussion der typischen Geschlechterrollen.

Das Buch stellt die Geschichte aus zwei Perspektiven dar - Einmal aus Hänsels Sicht und einmal aus der Sicht der Hexe Samira - bei gleichbleibender Handlung. So können unterschiedliche Beweggründe für gleiche Handlungen diskutiert werden.

Quellen

  • Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg: Bildungsplan der Grundschule. Deutsch, Villingen-Schwenningen: Neckar-Verlag 2016.

(Herausgearbeitet von Maike Drechsler, Anna-Lena Schmid, Pia Greß, Isabella Faude, Michelle Jacob, Anne Oeschger, Anna Patzelt, Amelie Horn | Pädagogische Hochschule Karlsruhe)