Des Kaisers neue Kleider

Hörspiel (Paetsch & Halver, 1990)

Worum geht es?

Das Märchenhörspiel „Des Kaisers neue Kleider“ (Paetsch & Halver, 1990) präsentiert den glanzvollen Lebensstil eines eitlen Kaisers. Da er bekanntermaßen eine Schwäche für exklusive Mode hat, verfällt er schnell den beeindruckenden Anpreisungen zweier Gauner, die mit einem heimtückischen Plan in sein Reich gekommen waren. Diese präsentieren sich als fähige, unterwürfige Weber und bieten dem Kaiser einen einmaligen Stoff an, der neben seinen besonderen Farben und Mustern auch die reizvolle Eigenschaft besitzt, dass er für Personen unsichtbar erscheint, die entweder für ihr Amt ungeeignet wären oder ausgesprochen ungebildet seien.
Für eine hohe Entlohnung beginnen die Zwei mit der vermeintlichen Arbeit. Während die Gauner im Saal an leeren Webstühlen das Arbeiten mimen, schickt der Kaiser angsterfüllt, er könne den Stoff vielleicht nicht sehen, seine Angestellten vor, um über den Stoff zu berichten. Zurückgekehrt, lügen sie und schwärmen von dem Stoff. Freudig erhält der Kaiser die Kleider, die er vor lauter Schreck nicht sehen kann. Er leugnet es, um seine Eignung als Kaiser zu zeigen, und lässt sich einkleiden, um sich seinem Volk zu präsentieren. Zunächst loben die Stadtbewohner die nicht existente Garderobe, um ihre Eignung zu signalisieren. Erst als ein Kind mit seinem unverfälschten Blick laut über die fehlenden Kleider spricht, wird es allen klar und der Kaiser versucht, die Schmach würdevoll zu ertragen.  

Mit welchen medialen Inszenierungstechniken erzählt das Märchen?

Bei „Des Kaisers neue Kleider“ (Paetsch & Halver, 1990) handelt es sich um ein Hörspiel. Dabei handelt es sich um eine rein auditive Inszenierung des Märchens. Im Gegensatz zum Hörbuch wird beim Hörspiel das Märchen präsentiert von Synchronsprecher*innen, von diversen Geräuschen, dem Einsatz von Musik und Melodien sowie dem Zusammenspiel dieser akustischen Elemente (vgl. Müller, 2012). Die Gewichtung der einzelnen verbalen sowie nonverbalen Aspekte kann dabei je nach Hörspiel variieren. Durch diese Besonderheit ist bei der Betrachtung des Hörspiels neben den sprachlichen Aspekten auch die Mittel des Mediums zu beachten.

Für die Inszenierung des Märchens wurden bei dem Hörspiel verschiedene auditive Entscheidungen getroffen. Betrachtet man zunächst die Synchronsprecher*innen des Hörspiels, sind folgende Rollen aufzulisten: der Erzähler, der Kaiser, der Oberhofschneider, die Gauner, der Premierminister, mehrere Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner und das Kind.
Der Erzähler (Hans Paetsch) hat eine ruhige, warme, feste sowie tiefe Stimme. Durch die Klangfarbe seiner Stimme haben seine Sequenzen im Hörspiel eine familiäre und zutrauliche Wirkung auf den Hörenden. Seine erwachsene Stimme vermittelt einen (groß-)väterlichen Charakter. Da der Erzähler den Titel sowie die Einleitung des Märchens erzählt, gewinnen die Hörenden direkt Nähe zum Hörspiel. Die weiteren Synchronstimmen sind im Dialog, bei Gedankenzitaten oder in Geräuschkulissen wiederzufinden. Betrachtet man die Synchronstimme des Kaisers, kann diese als singend und gehoben beschrieben werden. Durch einen fortgehenden leidenden Unterton sowie der besonderen Dehnung von bestimmten Vokalen und Silben wirkt die Figur des Kaisers sehr eitel und penibel. Zudem erzeugt die Synchronstimme einen abgehobenen und adeligen Charakter, der sich schwer zufriedenstellen lässt.
Die zwei Gauner besitzen in Relation zu ihrer Bedeutung im Handlungsverlauf wenige Sprechsequenzen. Ihre Stimmen klingen weich und ruhig, wodurch die Tücken der zwei vermeintlichen Weber durch die Stimmen nicht aufgedeckt werden. Sie klingen aufrichtig und unterwürfig, wodurch das zugesprochene Vertrauen den Hörenden nicht irritiert.
Richtet man nun seinen Blick auf die Rolle des Oberhofschneiders, lässt sich diese Stimme als unsicher, stotternd, ehrfürchtig und ängstlich beschreiben. Außerdem erscheint die Rolle äußerst kommunikativ. Diese Eigenschaft wird jedoch durch seine Unterwürfigkeit und die Ängste vor dem Kaiser zum Teil eingeschränkt. Oftmals sind seine Beiträge abbrechend oder gemurmelt.
Insgesamt sind die Stimmen des Oberhofschneiders sowie des Kaisers äußerst überspitzt dargestellt. Wodurch eine Charakterisierung der zwei Rollen den Hörenden leichter fällt.
Der Premierminister hat einen geringen Sprechanteil. Seine Stimme klingt jedoch fest und selbstbewusst und spiegelt sein Amt wieder.
Zuletzt können noch die Stimmen der Stadtbewohner betrachtet werden. Es sind Frauen- sowie Männerstimmen. Die Stimmen wirken unauffällig und erzeugen in ihrer Pluralität eine Masse. Das Kind, welches unter den Stadtbewohnern ist, wird von einer erwachsenen Person gesprochen. Dies kann die Hörenden unter Umständen irritieren, wodurch jedoch auch ein besonderer Fokus auf dem Dialog des Kindes liegt.

Des Weiteren werden verschiedene Atmosphären mit den Stimmen erzeugt. Neben der Stimmkulisse des Volkes, kann auch erkannt werden, dass Stimmen etwas hallen, wenn die Personen sich in den Sälen des Palastes befinden (zum Beispiel in Minute 00:05:45 (Paetsch & Halver, 1990)). Dies erzeugt bei den Hörenden ein mentales Bild von den hohen Decken und der Größe des Saals. Auch können unterschiedliche Lautstärken ausgemacht werden. Beispielsweise werden in der ersten Dialog-Sequenz zum Start in die Szene die Stimmen schrittweise lauter. Dadurch tauchen die Hörenden in die Handlung ein, die bereits gestartet hat (Paetsch & Halver, 1990, 00:02:38-00:02-48). Es wirkt, als würde man den Saal des Kaisers betreten. Auch zeigt die Lautstärke der Dialoge, wo sich die Dialogpartner im Saal befinden. Während Personen, die nah aneinander stehen, wie der Oberhofschneider und der Kaiser, in einer moderaten Lautstärke miteinander sprechen, müssen die Personen mit größerer Distanz rufen. Hierbei ist anzumerken, dass die Personen sich zwar zurufen, die tatsächliche Lautstärke für die Hörenden jedoch verbleibt. 

Das Element der Geräusche sind in dieser Inszenierung ausgesetzt. Jedoch ist eine breite Variation an dem Einsatz der Synchronstimmen zu beobachten.

Neben den Synchronstimmen ist auch die Musik ein bedeutsames Element des Hörspiels. Bereits zu Beginn im Intro wird klassische barocke Musik gespielt. Diese erzeugt eine adlige und höfische Atmosphäre und versetzt die Hörenden in das Ambiente des Palastes und dem Kaiser. Die musikalischen Sequenten werden von Streichern und einem Cembalo gespielt. Diese Musik wird zum Teil alleinig gespielt. In manchen Momenten wird die Musik leiser und Erzähler spricht über die Musik. Das Ende der anfänglichen Musik signalisiert das Ende der Einleitung und den Start der Handlung. Auch wird in Minute 00:18:12 eine kurze Melodie gespielt. Diese scheint wieder eine kurze Cembalo-Abfolge zu sein. Da die Töne absteigen und sie sehr negativ klingen, kann man diese Melodie als Foreshadowing auf die kommende Enthüllung ansehen. Auch das Ende wird von einer kleinen Melodie begleitet. Die abschließenden Töne führen die Hörenden aus der Handlung hinaus. Die Musik erscheint in dieser Inszenierung als Rahmen des Hörspiels und deutet zudem auf den entscheidenden Höhepunkt hin. Zusätzlich finden sich kurze Musikeinspielungen beim Szenenwechsel (Paetsch & Halver, 1990, 00:10:21).

Die Inszenierung des Märchens ist an ein kindliches Publikum adressiert. Durch die starken Eigenschaften, die durch die Synchronstimmen der Charaktere verdeutlicht werden, werden Gedankengänge und Handlungen leicht verständlich. Das Märchen wird plastisch und begreiflich. Hierbei ist der Einsatz der Dialoge und der Gedankenzitate eine passende Umsetzungsmöglichkeit. Der Erzähler liefert den nötigen Rahmen der Geschichte und verdeutlicht Handlungsabläufe und Szenerien. 

Wie wird die Geschichte verändert?

Vergleicht man das Hörspiel mit der Primärliteratur von Hans Christian Andersen aus dem Jahr 1862, lassen sich einige kleine Abweichungen erkennen (vgl. Buschhoff & Stein, 2018). Zunächst fällt bei genauerer Betrachtung auf, dass einige Wörter sowie Bezeichnungen der Zeit angepasst und aktualisiert wurden. Dadurch wurden einige Wörter ersetzt oder entfernt. Auch wird die Entlohnung der Gauner im Original als „Handgeld“ bezeichnet und im Hörspiel als „Gold, Geld und Seide“. Die Entlohnung im Hörspiel kann im aktuellen Kontext wahrscheinlich besser imaginiert werden und wirkt wertiger als die Bezeichnung der Entlohnung im Originaltext. Des Weiteren wurde die Struktur des Märchens geringfügig verändert. Während im Originaltext der heimtückische Betrug der zwei Gauner gerafft erläutert wird, ist im Hörspiel die Anpreisung der besonderen Webkünste eine eigene Sequenz, in der die Beteiligten des Hofes (Oberhofschneider und Premierminister) eingeführt werden. 

Im Hörspiel handelt es sich um ein zeitdeckendes Erzählen. Dadurch wird die Rolle und der Charakter des Oberhofschneiders verstärkt präsentiert, die Motivation der Gauner verraten und ihre Vertrauenswürdigkeit bewiesen. Dabei fällt auf, dass in dem Original und der Hörspiel-Inszenierung differente Rollen gewählt wurden. Während beim Original der Premierminister und weitere Staatsmänner für die Überprüfung des Stoffes zu den Webstühlen geschickt werden, ist es im Hörspiel der Oberhofschneider, der im Original nicht vorkommt. Außerdem wird die Handlung im Hörspiel vereinfacht, da lediglich der Oberhofschneider von der Qualität des Stoffes berichten soll. Die Rollen im Hörspiel sind im aktuellen Kontext greifbarer und verständlicher. Es fällt zudem auf, dass im Hörspiel der Oberhofschneider den Betrug erkannt hat und durch seine Angst vorm Kaiser dies jedoch leugnet. Der Oberhofschneider lässt die Handlungen verständlicher wirken, da der Betrug verdeutlicht wird. Auch zeigt sein Charakter die Macht des Kaisers, da er Todesangst vor dem Zorn des Kaisers hat.

Ein weiterer Unterschied, der wahrscheinlich der Möglichkeiten des auditiven Mediums zu Schulden kommt, ist, dass im Hörspiel viele erzählte Handlungen in Dialoge umgesetzt wurden. Dadurch konnten weitere Atmosphären erzeugt, Charaktere verstärkt und Handlungen verständlicher wiedergegeben werden. Die zeitraffenden Sequenzen im Originaltext, wie die Ehrung der Weber und die nächtliche Schneider-Arbeit werden durch den primären Einsatz von Dialogen im Hörspiel gekürzt. 

Wie erkennt man die Verbindung zum Prätext?

Die Verbindung des Originaltextes zu dem Hörspiel ist an mehreren Beobachtungen auszumachen. Zunächst lässt sich feststellen, dass beide Werke den identischen Titel „Des Kaisers neue Kleider“ besitzen (Paetsch & Halver, 1990; Andersen & Konstantinov, 2013). Auch sind die ersten Sätze des Originals sowie die ersten Sätze des Erzählers im Hörspiel nahezu deckend. Die einleitenden Wörter „Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser …“ (Paetsch & Halver, 1990, 00:00:19; Andersen & Konstantinov, 2013, S. 7) sowie die Beschreibung des Ortes als eine große Stadt im Original und im Hörspiel signalisieren den Hörenden, dass es sich um ein Märchen handelt. Diese gewählten Formulierungen erzeugen bei beiden Ausführungen eine Zeit- sowie Ortlosigkeit. Durch diese typischen Kennzeichen eines Märchens ist den Lesenden und den Hörenden der fiktive Status der erzählten Welt im Original und im Hörspiel bewusst. Die typischen Figuren des Kaisers, der Gauner, des Volkes und der Hofangestellten dienen zusätzlich im Original und im Hörspiel als typisches Indiz für ein Märchen. Auch sind die deckenden Handlungsorte (der Palast und die große Stadt) bezeichnend für diese Gattung. Zusätzlich ist in der Handlung ein vermeintlich magischer Moment zu verorten: Im Original sowie im Hörspiel preisen die zwei Gauner ihren Stoff an, der die Betrachtenden durch seine Sichtbarkeit auf ihre berufliche Tauglichkeit und ihre Intelligenz hinweisen würde. Dieser Stoff überzeugt den Kaiser aufgrund seiner magischen Eigenschaft, die jedoch nicht weiter hinterfragt oder thematisiert wird.


Eine weitere Gemeinsamkeit des Originals und des Hörspiels liegt beim Handlungsverlauf beider Werke. Im Detail lassen sich Unterschiede erkennen, dennoch sind die fundamentalen Geschehnisse gleich und die Handlungen geschehenen in einer identischen Abfolge. Auch die Auflösung der Täuschung sowie die finalen Ereignisse und Handlungen des Kaisers sind beim Original und im Hörspiel kongruent. Durch die übereinstimmenden Ereignisse und Reaktionen des Kaisers auf den Betrug und die Leugnungen der Hofangestellten sind die Handlungsmotive der Akteure in beiden Märchenversionen gleichbleibend. Des Weiteren sind die Charaktere unverändert. Der Kaiser ist in beiden Ausführungen eitel und mächtig. Die Angestellten und das Volk sind im Original und im Hörspiel ehrfürchtig und fügsam. Dadurch bleibt auch die vermittelte Moral unverändert. Diese sagt im Originaltext sowie im Hörspiel aus, dass man durch Eitelkeit, Materialität und der Angst vor der Wahrheit sich kompromittieren kann und die Wahrheit stets freigelegt werden wird.

Quellen